Die Fratze des Krieges

Eigentlich wollte ich heute einen Blogeintrag zu meinem letzten Konzert schreiben aber “eigentlich” ist dafür nun kein Platz in meinem Herzen, in meinem Kopf.

Ich hörte heute eine Geschichte eines – sagen wir- nahen Verwandten, die wahr ist, die unglaublich schrecklich und grausam ist. Die muss nun raus, sonst platze ich… Vor Wut, vor Traurigkeit, vor Fassungslosigkeit.

Die Geschichte (wenn es denn nur eine Geschichte wäre!!!) spielt in Leipzig, eigentlich kein Schauplatz für Krieg, zur Zeit.

Vor Kurzem war der/die Verwandte beruflich dort. Es war ein wunderschöner, sonniger Tag. In einem Park, an einem Weiher. Das Leben war gut, schön und es galt die Sonnenstrahlen zu geniessen. Also setzte sich der/die Verwandte auf eine Bank und liebte das Leben.

Es setzte sich ein Mann mit auf die Bank, der traurig ausschaute, unfassbar traurig. Sein Blick war leer. Er war etwa Anfang 40 und hatte arabische Züge. Sein Palästinensertuch um den Hals gewickelt, starrte er aufs Wasser. Mein(e) Verwandte(r) sah den Mann an und überlegte noch so nebenbei, ob es sich um einen türkisch-stämmigen Mann handelt oder doch eher jemand aus dem arabischen Raum sei. Als noch ein paar Männer dazukamen und mit dem Mann sprachen, war klar: Arabisch.

Die anderen Männer verschwanden wieder und der Mann sprach den/die Verwandte an. Was sie/er so mache in Leipzig. Gebrochenes deutsch aber gut zu verstehen.

Man unterhielt sich. Über alles mögliche. Das Leben war schön und die Sonne kitzelte die Nasen. Dann fragte der Mann, dessen Namen wir nicht wissen, weil der/die Verwandte vergessen hat danach zu fragen, ob es denn Familie gäbe. Mein(e) Verwandte bejahte dies und erzählte von den Lieben zu Haus.

Ja, sagte der Mann. Ich habe eine Frau und 2 Kinder. Wollen Sie mal sehen? Ich habe Bilder.
Gerne ließ sich mein(e) Verwandte(r) die Bilder zeigen.

Das erste Bild, es war ein Polaroid-Foto, recht abgenutzt und abgegriffen, zeigte den Mann mit seiner Frau und seinen 2 Kindern, ein Junge und ein Mädchen. Beide Kinder so ca. 5-6 Jahre alt.
Alle 4 sehen verwirrt aus und gucken “merkwürdig”. Nicht fröhlich. Kein typisches Familienbild fürs Album.

Irgend etwas stimmt nicht. Da stimmt etwas gewaltig nicht auf diesem Bild!

Der Mann zog ein weiteres Polaroid aus seiner Tasche. Auf dem war er selbst nicht mit drauf. Nur seine Frau und seine beiden Kinder. Selber Hintergrund, selbe “Kulisse”, nur….

Alle 3 sind tot!

Erschossen!

Vor seinen Augen.

Vom Militär!

Der Mann ist Syrer und seine Familie wurde ausgelöscht. Vor seinen Augen und die Bilder wurden ihm als Warnung mitgegeben. Oder als was auch immer. Denn eigentlich sollte er selbst diesen Tag auch nicht überleben. Er lüftet sein Tuch und zeigt seinen Hals. “Mir wollten sie den Kopf abschneiden”
Mein(e) Verwandte(r) sieht an seinem Hals Schnittwunden, die sehr tief und schlecht verheilt sind.

Das Ganze hat den Mann gebrochen. Sein Erlebnis (was für ein unpassendes Wort in diesem Fall aber mir fällt es schwer überhaupt Worte dafür zu finden) ist ein Jahr her. Er lebt (mehr oder weniger) nun in Deutschland, hat keine Familie, keine Arbeit, keinen Lebenswillen.

Mein(e) Verwandte(r) nimmt den Fremden fest in die Arme und weiß nichts Tröstendes zu sagen.

Sie halten sich sehr lange fest….Vielleicht hat dies dem Mann neuen Lebensmut gegeben, ich weiß es nicht. Vielleicht hat er sich auch mittlerweile das Leben genommen.

IN WAS FÜR EINER WELT LEBEN WIR EIGENTLICH?

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